Culinarius (Wien) Wir haben Unternehmer Clemens Rieder zum Interview getroffen und mit ihm über Unternehmenswachstum, strategische Entscheidungen und wirtschaftliche Rückschläge gesprochen. Culinarius hat er auch exklusiv den Standort der nächsten JuiceFactory Filiale verraten.

 

©juicefactory

Über die JuiceFactory wurde in den letzten Jahren schon viel berichtet. Als Gastro Startup haben Clemens Rieder, Victoria Rieder und Roman Dudeschek im Jahr 2012 etwas geschafft von dem viele Jungunternehmer träumen: In kurzer Zeit ein erfolgreiches Business zu etablieren. Mittlerweile ist die JuiceFactory auf sechs Filialen mit insgesamt 55 Mitarbeitern angewachsen.

Culinarius: Wann kam euch das erstmal der Gedanke an eine Unternehmensexpansion? War es von Anfang an geplant dass die JuiceFactory wächst oder kam das erst durch den Erfolg eures Flagshipstores in der Schottengasse?

Clemens Rieder: „Wir haben uns schon in der Gründungsphase an den internationalen Juice-Konzepten orientiert und auch viel in Design, Logo, Packaging etc. investiert. Der Plan war also immer schon dass wir unser Konzept problemlos und rasch multiplizieren können. Wir waren auch relativ schnell nach Eröffnung unserer ersten Filiale in den finalen Verhandlungen mit dem Flughafen Wien bezüglich unseres dortigen Standorts“.

Culinarius: Mittlerweile gibt es in Wien vier JuiceFactory Filialen. Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Standorte aus?

Clemens Rieder: „In erster Linie nach Frequenz. Wobei wir auch schon gelernt haben, dass Frequenz nicht gleich Frequenz bedeutet. Wenn 20.000 Touristen jeden Tag bei dir vorbeilaufen und nicht nach links und rechts schauen bringt dir das gar nichts. Ein wichtiger Punkt für uns ist sicherlich die Nähe zu Büros. Das ist erfahrungsgemäß ein zahlungskräftigeres Klientel, dass sich gerne etwas gönnt und qualitativ sehr hohe Ansprüche stellt. Genau dieses Klientel holen wir mit unserem Konzept ab“.

Culinarius: In der Firmengeschichte der JuiceFactory gibt es ja nicht ausschließlich Erfolgsstories. So wurde beispielsweise der Store in der SCS (Shopping City Süd) nach relativ kurzer Zeit wieder geschlossen. Was waren die Gründe dafür?

Clemens Rieder: „Das ist genau das Thema, dass Frequenz eben nicht immer automatisch zu Umsatz führt. Das Publikum in Einkaufszentren ist offensichtlich preissensibler als in der Innenstadt bzw. konnten wir mit unserem Konzept, frische Juices, bester Kaffee, immer frische Snacks etc. dort einfach nicht punkten“:

Culinarius: Zweifelt man in so einer Situation an seiner Geschäftsidee? Ist das für dich mittlerweile „Schnee von gestern“ oder denkt man immer wieder daran zurück und wird aufgrund so einer Erfahrung vorsichtiger bei geplanten Projekten?

 

Clemens Rieder: „Am Anfang war das schon hart. Man denkt sich ja dass ein Store im größten Einkaufszentrum Österreichs ein Selbstläufer ist. Dann sitzt man nach Geschäftsschluss am Parkplatz im Auto, hat gerade einmal ein paar Euro Umsatz gemacht, ist den Tränen nahe und fragt sich wie sich das alles jemals ausgehen soll. Im Nachhinein betrachtet, glaub ich aber dass man in Österreich viel zu wenig diese „Kultur des Scheiterns“ lebt. In Amerika sagt man, dass man mindestens zweimal scheitern muss um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Man lernt ja auch enorm viel daraus. In Österreich ist man gleich der ahnungslose Volldepp der es nicht geschafft hat. Ich glaube dass das Thema des Scheiterns vielmehr in die Köpfe der Unternehmer rein muss. Es ist nicht verwerflich einmal mit einem Projekt oder Standort zu scheitern, in Wahrheit macht man eine Erfahrung ohne dieser vielleicht zukünftige Projekte gar nicht so gut funktionieren würden“.

Culinarius: Die JuiceFactory ist nicht nur national gewachsen, sondern hat mit Bratislava und Palma de Mallorca auch zwei Standorte im Ausland. Waren die Slowakei und Spanien schon immer Wunschmärkte die ihr bedienen wolltet?

Clemens Rieder: „Nein, geplant waren diese Standtorte nicht. Die haben sich über einen unserer Investoren ergeben. Er hat uns angerufen und erzählt dass er einen Top Standort in Palma de Mallorca angeboten bekommen hat, gleich in der Nähe der Kathedrale. Wir haben dann gleich einen Flug gebucht, und kurz darauf war alles fixiert. Das ging wirklich schnell. Zu Palma haben wir noch dazu auch einen familiären Bezug weil meine Schwiegereltern im Sommer öfters dort sind, das war natürlich auch keine Nachteil. In Bratislava war das eine ähnliche Geschichte. Einer unserer Investoren hat dort ein Geschäft eröffnet und wir konnten einen Teil von der Fläche bespielen. Geplant waren die beiden Filialen im Ausland nicht, das war eher glückliche Fügung“.

Culinarius: Stichwort Behörden und Bürokratie: Wie ist es, im Vergleich zu Österreich, eine Filiale im Ausland zu eröffnen?

Clemens Rieder: (lacht) „Viel schlimmer! Wir leben hier in Österreich diesbezüglich auf einer Insel der Seligen. Wir schimpfen immer über Behörden und Magistrate, aber in Wahrheit weiß man hier zumindest woran man ist. In Palma hatten wir zum Beispiel einen mehrwöchigen verhängten Baustopp ohne dass wir genau wussten warum. Uns wurde nur gesagt, dass es irgendwas mit Denkmalschutz und Bausubstanz zu tun hat. Und dann stehst du da. Auf einer Baustelle im Ausland und weißt nicht was du machen sollst. Ein Monat später kam dann die Info dass es sich offensichtlich um einen Irrtum gehandelt hat und wir wieder weitermachen können. Auf den Kosten wie Bauverzögerung, Miete etc. bleibst du natürlich sitzen. In Österreich haben wir zumindest Rechtssicherheit, Fristen die einzuhalten sind, auch behördenseitig, und in Summe ist es hier einfach viel planbarer“.

Culinarius: Eure Gesellschafterstruktur hat sich im Zuge der Expansion auch geändert. Das anfängliche Gründerteam ist mittlerweile auf sechs Gesellschafter angewachsen. Wie kam es zu der Entscheidung? Wurde hier Kapital oder Know-How eingekauft?

Clemens Rieder: „So wohl als auch. Uns war es bei der Kapitalerhöhung vor allem wichtig, strategische Partnerschaften einzugehen. Wir haben uns Leute an Board geholt die nicht nur Kapital haben, sondern die das Unternehmen auch weiterentwickeln können, die Know-How haben, die gut vernetzt sind. Kapital hätten wir auch von der Bank bekommen, aber der Mehrwert einer strategischen Partnerschaft hätte da gefehlt“.

Culinarius: War das Abgeben von Firmenanteilen für euch eine einfache Entscheidung? Hast du hier als Eigentümer rein rational gehandelt oder kämpft man doch mit den Emotionen, schließlich „teilt“ man ja seine Idee, seinen Erfolg bzw. sein geistiges „Baby“?

Clemens Rieder: „Das war eine absolut rationale Entscheidung. Wir wussten dass wir diese Partnerschaften brauchen um das Unternehmen auf die nächste Ebene heben zu können. Natürlich denkt man sich am Anfang kurz „hoffentlich geht das gut“, aber ich stell mir das so vor, wie wenn die eigenen Kinder irgendwann mal selbstständig werden und das Haus verlassen. Im Endeffekt ist es für die Entwicklung gut und auch notwendig. Insofern haben wir das ziemlich locker und emotionslos gesehen“.

Culinarius: Es gibt ja mehrere Möglichkeiten ein Unternehmen wachsen zu lassen. Ist oder war „Franchise“ jemals Thema für euch?

Clemens Rieder: „Wir haben Franchise lange diskutiert und auch angedacht. Schlussendlich sind wir aber zu der Entscheidung gekommen unsere Standtorte selbst zu betreiben. Man ist auch der Gefahr ausgesetzte, dass Franchisenehmer die Marke nicht mit der gewissen Sorgfalt behandeln wie man das gerne hätte. Der Kunde weiß ja nicht ob das eine Franchisefiliale ist oder nicht, und eine schlecht geführte Filiale kann dann auf das gesamte Unternehmen abfärben. Vermutlich auch ein Grund warum momentan die großen internationalen Systemgastronomieketten eher wieder zum Eigenbetrieb tendieren und Franchise immer weniger forcieren“:

Culinarius: Habt ihr momentan weitere JuiceFactory Standorte geplant? Wohin geht, unternehmenstechnisch betrachtet, die Reise?

Clemens Rieder: „Zwei Projekte sind momentan in der Pipeline. Eines kann ich euch auch schon vorab verraten. Am Busbahnhof in Erdberg entsteht ein neues JuiceFactory Konzept. Dort baut die Firma Blaguss das ganze Ticketing neu und wir errichten dort ein Shop-in-Shop Konzept. Das heißt wir bieten zusätzlich zum JuiceFactory Sortiment auch Dinge des täglichen Reisebedarfs an. Das beginnt bei Hygieneartikel wie Zahnbürste, Taschentücher etc. und geht hin bis zu Reiseproviant wie Bier, Schokoriegel, Sandwiches uvm. Dort kommen jeden Tag viele Menschen an oder reisen ab, und die möchten wir mit all den Dingen versorgen die man brauchen könnte. Dieses Projekt ist zum Beispiel auch durch eine strategischen Partnerschaft entstanden. Die Blaguss Beteiligungs GmbH ist ja eine unserer Gesellschafterinnen und hat uns gefragt ob wir das machen können. Das wird ein cooles Konzept und wir freuen uns drauf. Auch weil es einmal in eine etwas andere Richtung geht“.

Culinarius: Aus heutiger Sicht betrachtet: Welchen Ratschlag würdest du dem Clemens Rieder von 2012, geschäftlich gesehen, mit auf den Weg geben?

Clemens Rieder: „Viel lockerer sein. Keine schlaflosen Nächte wegen Lappalien haben. Man denkt sich immer „Oh mein Gott“, Jahresabschluss oder doppelte Gehälter oder Kleinigkeiten da und dort…. am Ende geht sich alles immer irgendwie aus, und wenn es zu Problemen kommt, dann hat man zumindest die Herausforderung diese zu lösen, und daraus lernt man auch wieder. Der schon erwähnte SCS-Exit hat mich zum Bespiel monatelang beschäftigt, das würde ich heute viel lockerer sehen. Die vielen schlaflosen Nächte diesbezüglich waren im Nachhinein betrachtet nicht notwenig“.

Culinarius: Apropos „schlaflose Nächte“: Du bist mittlerweile auch zweifacher Papa geworden. Hand aufs Herz: Was ist einfacher: Eine Familie oder ein Unternehmen zu managen?

Clemens Rieder: (lacht) „Ich hab ja zum Glück eine tolle Frau, und zu zweit managen wir das alles ganz gut denk ich, aber ich bin oft froh wenn ich in der Früh ins Büro oder in eine Filiale fahren darf. Ich bewundere zum Bespiel alleinerziehend Mütter wie diese Kinder und Job unter einen Hut bringen, hier müsste vom Staat viel mehr unterstützt werden. Was „einfacher“ ist kann ich nicht wirklich sagen, „schöner“ ist natürlich das Familienmanagement“.

Wir danken für das Interview und wünschen weiterhin viel Erfolg!

 

 

2018-10-11T16:36:01+00:00